Haases bauen um | ZEIT ONLINE


Wie verändert der Corona-Ausbruch Deutschland? Unser Reporter Henning Sußebach beschreibt das in der Serie “Aus einem anderen Land”. An welche Orte er noch gelangt, mit welchen Menschen er (bei Wahrung der Empfehlungen des Robert Koch-Institutes) reden kann, liegt weniger an ihm als an den Umständen. Diese Krise ist auch für Journalisten neu, kaum jemand hat Erfahrung – jede Bürgerin und jeder Bürger ist gleichermaßen Laie wie Experte. Wenn Sie unseren Reporter auf Folgen des Corona-Ausbruchs und Geschehnisse in Ihrer Umgebung hinweisen wollen, schreiben Sie ihm: anderesland@zeit.de. (Der folgende Artikel wurde durch einen solchen Hinweis angeregt.)

Gute Nachrichten sind rar in diesen Wochen, jede Meldung hat nur eine kurze Halbwertszeit – deshalb muss schnell beschrieben werden, was gerade in der niedersächsischen Stadt Laatzen geschieht, im Hotel Restaurant Haase, in dem eine Belegschaft von 27 Frauen und Männern sich Beschäftigung im Stillstand sucht und um ihre Zukunft kämpft, wie so viele im Land.

Inmitten des Ortes, zwischen Backstein- und Fachwerkhäusern, steht da dieses gelbe Gasthaus, über Jahrzehnte erkennbar gewachsen, ausgebaut, umgebaut, drei Stockwerke hoch, die jetzt komplett leer stehen, weil keine Gäste kommen. Man könnte glauben, eine stumme Szene in einer deutschen Kleinstadt vor sich zu haben, aber aus den Fenstern in der obersten Etage dringt ein Höllenlärm. Ein Brummen, Rattern und gelegentliches Krachen, was daran liegt, dass in Zimmer 309 ein junger Mann mit Meißelhammer eine Wand bearbeitet.

Arno Römer, eigentlich Koch im ersten Lehrjahr, stemmt alte Fliesen aus einer Duschecke. Um seinen Mund hat er ein Geschirrtuch gewickelt. In Zimmer 308 sind die Fliesen schon gesplittert und gefallen, dort schneidet Raissa Hammer, seit zwanzig Jahren Zimmermädchen, mit einem Teppichmesser Rigipsplatten zu. In Zimmer 302 hat ihre Kollegin Inna Reifschneider Tapeten, die sie vor Kurzem noch mit einem Staubwedel gestreichelt hat, mit Wasser besprüht, auf dass sie sich von den Wänden lösen. Auf dem Flur zerrt Kheiredin Mirza, der im Hotel das ist, was man früher “Mädchen für alles” nannte, einen Pritschenwagen über einstmals roten Teppich; beladen mit Fliesen. Ulrike Haase, die Hausherrin, fegt ihren Leuten mit einem Laubrechen hinterher. Ein Besen fehlt gerade.

“Wir sind alle Handwerker im ersten Lehrjahr!”, ruft sie durch den Lärm, falls man sie richtig verstanden hat. Denn in Zimmer 309 hat der junge Mann, der laut Lehrplan eigentlich üben müsste, Kroketten und Klöße zu formen, wieder den Meißelhammer angeworfen. Er ist der Stärkste von allen, ihm haben sie die schwerste Maschine anvertraut.

Es ist derzeit keiner mehr Chef und niemand noch Lehrling im Hotel Haase in Laatzen bei Hannover, die Hierarchien des Hauses sind aufgehoben, die Augenbrauen aller von Staub geweißt, weil sich alle in Zeiten des Nichtstuns ins Tun geflüchtet haben. Wenn sowieso niemand da ist, kann man ein Hotel auch renovieren. 

Natürlich könnte man sagen, diese Baustelle sei Irrsinn, womöglich ist sie es auch, jetzt, da alle, die können, daheimbleiben sollten, anstatt gemeinsam ins Schwitzen zu kommen. In jeder Krise zuvor hätte ein Hotelchef Anerkennung erfahren, der den Stillstand in Aufbruch verwandelt. Während Corona aber verschwimmen die Maßstäbe von Richtig und Falsch. Psychologisch betrachtet ist gut, was in Laatzen passiert, virologisch gesehen ist es schlecht. Das eigene Geschäft zu schließen, die Angestellten nach Hause zu schicken, in Kurzarbeit oder Arbeitslosigkeit, bedeutet epidemiologisch gesehen Rücksichtnahme. Für manchen Betroffenen ist so eine Entscheidung aber eine Aggression. Und womöglich entkernt eine zu frühe Kapitulation ganze Städte, für lange Zeiten. So haben die Haases entschieden, auf ihre Weise um ihr Hotel zu kämpfen, solange der Staat es erlaubt.

Der einzige ruhige Ort im ganzen Haus ist jetzt ausgerechnet der Gastraum. Viel dunkles Holz, Sprossenfenster, letzte Blumengestecke. Leerer Raum, Zeit zum Reden. An einem der ungedeckten Tische das Betreiberpaar, Ulrike und Thomas Haase, zwei Schnellredner, sie 52, er 58, in den Händen die Ahnentafel der Familie, neun Generationen, gerahmt und sehr groß. Viel Vergangenheit, aus der beide eine Verpflichtung für die Zukunft herleiten. 

Das wird deutlich, als Thomas Haase – begleitet vom Brummen aus dem dritten Stock – gleich ins Jahr 1698 springt: Damals ließ sich ein Kuhhirte namens Cord Haase auf diesem Stückchen Land nahe der Leine nieder. Etwa ein Jahrhundert später erwarb Johann Ernst Haase, vormals Reiter im Kurhannoverschen Kavallerieregiment, Krügerrechte für einen Bierausschank. “Nach allem, was man weiß, hat er hier, genau zwischen Hildesheim und Hannover, eine Abspannstation für Pferde betrieben”, sagt der Urahn. 1898 ein Blitzschlag, Brand bis auf die Grundmauern. Das Haus neu aufgebaut, wiedereröffnet, 1943 ausgebombt, nach dem Krieg erneut eingeweiht. Zuletzt 45 Zimmer, drei Sterne. Die Kinderteller auf der Speisekarte nach den Töchtern, Nichten und Neffen benannt. Ein steter Strom von Übernachtungsgästen, Besucher der Messe Hannover, Handelsvertreter, skandinavische Touristen auf Durchreise. 

Bis Corona kam und die Familiengeschichte umschrieb.

“300 Jahre”, sagt Thomas Haase. “Meine Vorfahren haben an diesem Ort zwei Weltkriege durchgestanden. Wir dürfen nicht an einem Virus zugrunde gehen.”

Neben ihm schlägt Ulrike Haase das Reservierungsbuch auf und schickt ihren Lesefinger auf Reise über die Seiten. “Storno … Storno … Storno”, sagt sie, “alles abgesagt, bis weit in den April.” Da sind nur durchgestrichene Namen und weggekreuzte Telefonnummern.

Vor vier Wochen schon ahnten beide, was kommen könnte, früher als mancher Politiker. Und sie fassten einen Plan, sogar Mut: Weil die Zimmer im Dachgeschoss etwas angejahrt waren, bestellten sie für mehrere Tausend Euro Fliesen.

“Ich hab gedacht, ich muss unseren Angestellten irgendwas zu tun geben”, sagt sie.

“Und wohl auch uns selbst”, sagt er.

Vor einer Woche haben sie Bilder abgehängt, Lampenschirme abgeschraubt, die Betten mit Laken abgedeckt wie für einen sehr langen Schlaf. Seitdem schlägt der Küchenlehrling Fliesen von den Wänden. Krachend fällt Bauschutt in den Hinterhof. Mancher Finger ist verpflastert, viele Rücken tun weh. Und vom Zimmermädchen Raissa Hammer wissen jetzt alle, dass sie in ihrem ersten Leben eine Zimmerfrau war. Als sie noch in Kasachstan lebte, hat sie eine Ausbildung zur Baumeisterin gemacht, sie schlägt keinen Nagel krumm, sie dreht die Schrauben durch Rigipsplatten wie durch Butter und sagt: “Ich geb zehn Jahre Garantie auf alles.”

Dann lachen alle und lachen über ihr Lachen.



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